Wenn Freundschaft zur Belastung wird - warum Frauen mit ADHS toxische Freundschaften oft spät erkennen
- Tatjana Ricciardi

- 12. März
- 7 Min. Lesezeit

Einleitung
Die meisten Menschen erwarten von Freundschaften etwas sehr Einfaches: Interesse, Loyalität und gegenseitige Unterstützung.
Doch nicht jede Beziehung basiert auf diesen Grundlagen. Manche Kontakte fühlen sich mit der Zeit seltsam an. Gespräche drehen sich immer wieder um dieselbe Person. Nach Treffen bleibt ein schwer erklärbares Gefühl von Erschöpfung, Leere oder Irritation zurück.
Solche Dynamiken entstehen häufig nicht durch offene Konflikte. Sie entwickeln sich leise – über viele kleine Situationen hinweg. Deshalb dauert es oft lange, bis jemand erkennt, dass eine Freundschaft nicht mehr (oder noch nie) auf Gegenseitigkeit beruht.
Ein Grund dafür können narzisstische Persönlichkeitsmuster sein. Sie zeigen sich nicht immer laut oder offensichtlich. Häufig wirken sie subtil – gerade in engen sozialen Beziehungen.
Wenn Interesse nur in eine Richtung fließt
Ein frühes Signal ist ein unausgeglichenes Gesprächsmuster.
Gespräche drehen sich überwiegend um:
Probleme der anderen Person
ihre Beziehungen
ihre Gefühle
ihre Konflikte
Das eigene Leben kommt nur am Rand vor oder wird schnell wieder auf die andere Person zurückgeführt.
Zunächst fällt das oft kaum auf. Erst mit der Zeit entsteht der Eindruck, dass echtes Interesse am Gegenüber begrenzt ist.
Freundschaft wird dann weniger zu einem Austausch – und mehr zu einer Bühne.
Die unterschwellige Konkurrenz
Viele Betroffene berichten von einer Atmosphäre, die schwer zu beschreiben ist: Es wirkt wie Freundschaft, gleichzeitig liegt ein Gefühl von Wettbewerb in der Luft.
Diese Konkurrenz zeigt sich selten offen. Häufig eher indirekt:
ironische Bemerkungen über Erfolge
kleine Vergleiche bei Aussehen, Beziehungen oder Karriere
subtile Relativierungen von positiven Entwicklungen
Psychologen sprechen hier von relationaler Aggression – Konflikte werden nicht direkt ausgetragen, sondern über soziale Dynamiken.
Nach außen wirkt alles normal. Innerlich entsteht jedoch zunehmend Spannung.
Die Rolle von Aufmerksamkeit und Bestätigung
Menschen unterscheiden sich darin, wie stark sie ihren Selbstwert über Rückmeldungen von außen regulieren.
Bei ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen spielt Bestätigung durch andere Menschen eine besonders große Rolle.
Das kann sich äußern durch:
starke Orientierung an Aufmerksamkeit
intensive Selbstdarstellung
große Bedeutung von sozialer Resonanz
Soziale Medien verstärken diese Dynamik zusätzlich. Aufmerksamkeit wird zu einer wichtigen Quelle emotionaler Stabilität.
Wenn Bedürfnisse anderer kaum wahrgenommen werden
Ein weiteres Muster ist eine eingeschränkte Wahrnehmung der Perspektive anderer Menschen.
Das zeigt sich beispielsweise darin, dass:
Grenzen nicht ernst genommen werden
Gespräche schnell wieder auf die eigene Person zurückgeführt werden
Konflikte kaum selbstkritisch reflektiert werden, Opferhaltung
Die eigene emotionale Realität steht im Mittelpunkt. Die Wirkung auf andere gerät leicht aus dem Blick.
Wenn Gefühle als Begründung für Verhalten dienen
In vielen sozialen Situationen ist es wichtig, über Gefühle zu sprechen. Problematisch wird es, wenn Gefühle zur Rechtfertigung für Verhalten gegenüber anderen Menschen werden.
Typische Argumentationsmuster können sein:
„Ich kann nichts dafür, wie ich mich fühle.“
„Das verletzt mich.“
„Ich muss authentisch sein.“
„Es geht mir so schlecht, dass ich es kaum mehr aushalte.“
Gefühle werden dann nicht als Information verstanden, sondern als Begründung, warum bestimmte Handlungen akzeptiert werden sollten.
Und Gefühle werden je nachdem zur Manipulation des Gegenüber benutzt, wer kann schon dem „Argument“ widerstehen, wenn jemand andeutet, es ginge so schlecht, er wolle so nicht mehr leben.
Flexible Moral in Beziehungen
Ein weiteres Muster kann eine situative Interpretation sozialer Regeln sein.
Wenn persönliche Wünsche mit bestehenden Grenzen kollidieren, werden diese manchmal neu interpretiert.
Beispiele können sein:
Flirten mit gebundenen Personen wird relativiert
Verantwortung wird auf die andere Person übertragen
Verhalten wird mit intensiven Gefühlen begründet
Statt klarer Orientierung entsteht eine Moral, die stark von den eigenen Bedürfnissen geprägt ist.
Besitzansprüche und gleichzeitig mehrere Optionen
Ein paradoxes Muster in manchen Beziehungen besteht darin, dass eine Person gleichzeitig zwei Dinge erwartet:
Einerseits Loyalität und emotionale Verfügbarkeit von anderen.
Andererseits hält sie selbst mehrere Optionen offen – in Freundschaften oder Beziehungen.
Menschen werden dadurch teilweise wie mögliche Quellen von Aufmerksamkeit oder Bestätigung behandelt.
„Ich mache mir Sorgen“ – wenn Sorge eigentlich Kontrolle bedeutet
Ein besonders typisches Muster in manchen toxischen Freundschaften ist die Verwendung eines scheinbar fürsorglichen Satzes:
„Ich mache mir Sorgen .“
Der Satz klingt zunächst harmlos und empathisch. In der Praxis taucht er jedoch oft in ganz bestimmten Situationen auf – nämlich dann, wenn die andere Person sich entzieht oder eigene Entscheidungen trifft.
Typische Situationen sind zum Beispiel:
eine Nachricht wird nicht sofort beantwortet
ein Treffen findet ohne diese Person statt
jemand verbringt Zeit mit anderen Menschen
eine Entscheidung wird unabhängig getroffen
In solchen Momenten beginnt häufig eine Kette von Kontaktversuchen.
Mehrere Nachrichten hintereinander.
Anrufe.
Nachfragen.
Bei allen Beteiligten.
Zum Beispiel:
„Alles okay bei dir?“
„Warum antwortest du nicht?“
„Ich erreiche dich nicht.“
„Ist etwas passiert?“
Wenn die andere Person schließlich reagiert, folgt oft der Satz:
„Ich habe mir Sorgen gemacht.“
Nach außen wirkt das wie Fürsorge. Tatsächlich geht es in vielen Fällen eher um etwas anderes: Kontrollverlust.
Wenn Sorge als moralische Legitimation dient
Der Satz hat eine besondere Wirkung, weil er jede Kritik erschwert.
Wenn jemand sagt:
„Du bist manchmal zuviel für mich.“oder „Mir geht es gerade nicht gut und ich brauche Zeit für mich.“
kann die Antwort sofort lauten:
„Ich mache mir doch nur Sorgen.“
Damit wird ein kontrollierendes Verhalten als Fürsorge dargestellt. Gleichzeitig entsteht subtiler Druck: Wer sich dagegen wehrt, wirkt schnell kalt oder undankbar.
Warum sich das für Betroffene so irritierend anfühlt
Viele Menschen spüren in solchen Situationen, dass etwas nicht stimmt. Gleichzeitig ist es schwer, genau zu benennen, warum.
Der Grund ist die Doppelbotschaft.
Nach außen wirkt das Verhalten besorgt und fürsorglich.
In der Wirkung fühlt es sich jedoch eher an wie:
Kontrolle
Überwachung
emotionale Vereinnahmung
Gerade empathische Menschen neigen dazu, diese Irritation zunächst zu relativieren.
Sie denken:
„Vielleicht meint sie es wirklich nur gut.“
Doch wenn der Satz immer wieder in Momenten auftaucht, in denen jemand Autonomie zeigt oder Grenzen setzt, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Warum solche Dynamiken lange unbemerkt bleiben
Viele Menschen erkennen diese Muster erst nach langer Zeit.
Das liegt vor allem daran, dass solche Beziehungen selten problematisch beginnen. Am Anfang stehen häufig intensive Gespräche, gemeinsame Interessen und eine starke Verbindung.
Die belastenden Aspekte entstehen meist schrittweise.
Einzelne Situationen wirken zunächst harmlos. Erst über viele Wiederholungen hinweg entsteht ein klares Bild.
Zusätzlich neigen viele Menschen dazu, Freundschaften zu schützen. Sie erklären problematisches Verhalten durch Stress, Missverständnisse oder eigene Sensibilität.
Warum Frauen mit ADHS besonders lange in solchen Freundschaften bleiben
Ein Faktor, der in diesem Zusammenhang selten erwähnt wird, betrifft Frauen mit ADHS.
Viele Frauen mit ADHS haben über Jahre gelernt, ihre eigenen inneren Signale zu übergehen. Nicht aus Schwäche – sondern aus Anpassung.
Schon früh erleben viele von ihnen Rückmeldungen wie:
„Du bist zu empfindlich.“
„Du reagierst über.“
„Du musst dich einfach zusammenreißen.“
Mit der Zeit entsteht dadurch eine Gewohnheit:
Das eigene Bauchgefühl wird nicht sofort ernst genommen, sondern zunächst hinterfragt.
„Vielleicht sehe ich das falsch.“
„Vielleicht bin ich zu sensibel.“
„Vielleicht habe ich es nur falsch verstanden.“
Diese innere Selbstkorrektur kann im Alltag hilfreich sein. In sozialen Beziehungen kann sie jedoch zu einem Problem werden.
Wenn das eigene Warnsystem abgeschwächt wird
Jeder Mensch besitzt ein inneres Warnsystem für soziale Situationen.
Ein Gefühl von:
subtiler Konkurrenz
emotionaler Erschöpfung
unterschwelliger Abwertung
fehlender Gegenseitigkeit
Viele Menschen reagieren relativ schnell auf solche Signale.
Frauen mit ADHS haben jedoch oft gelernt, diese Hinweise zunächst zu relativieren oder zu erklären.
Das bedeutet:
Das Gefühl wird wahrgenommen – aber nicht als klare Information genutzt.
Warum toxische Menschen genau davon profitieren
Für Menschen mit stark selbstzentrierten oder narzisstischen Persönlichkeitsmustern ist genau diese Dynamik besonders günstig.
Solche Personen testen soziale Grenzen häufig schrittweise:
kleine Grenzüberschreitungen
subtile Konkurrenz
emotionale Vereinnahmung
Wenn die andere Person ihre eigenen Signale nicht sofort ernst nimmt, kann sich dieses Verhalten über lange Zeit ausweiten.
Die Beziehung bleibt bestehen – obwohl sie innerlich längst nicht mehr stimmig ist.
Der eigentliche Wendepunkt
Viele Frauen mit ADHS berichten rückblickend von einer wichtigen Erkenntnis:
Nicht die fehlende Empathie war das Problem.
Sondern die Gewohnheit, die eigenen Wahrnehmungen zu lange zu hinterfragen.
Der entscheidende Schritt besteht oft darin, dem eigenen Eindruck wieder mehr Gewicht zu geben.
Nicht jede Irritation muss sofort erklärt werden.
Manchmal ist sie bereits eine Information.
Warum Außenstehende den Bruch oft nicht verstehen
Wenn jemand sich schließlich distanziert, wirkt das für andere oft überraschend.
Der Grund ist einfach: Die entscheidenden Dynamiken finden meist im privaten Raum statt – in Gesprächen, kleinen Kommentaren oder subtilen Interaktionen.
Nach außen wirkt die betreffende Person oft charmant, kommunikativ oder sozial kompetent.
Der lange Prozess, der zum Rückzug führt, bleibt für das Umfeld unsichtbar.
Ein stiller, aber wichtiger Schritt
Sich aus einer belastenden Freundschaft zu lösen ist selten eine spontane Entscheidung.
Meist ist es das Ergebnis vieler kleiner Erfahrungen: Gespräche, Zweifel, Versuche der Klärung und die langsame Erkenntnis, dass Gegenseitigkeit fehlt.
Freundschaften sollten Orte sein, an denen Menschen sich gesehen, respektiert und unterstützt fühlen.
Wenn eine Beziehung dauerhaft von Konkurrenz, Selbstzentrierung und emotionaler Erschöpfung geprägt ist, kann Distanz ein wichtiger Schritt sein – nicht aus Härte, sondern aus Selbstachtung.
Zum Nachdenken
Vielleicht kennen viele Menschen solche Situationen:
Kontakte, nach denen man sich unerwartet erschöpft fühlt
Freundschaften, in denen Unterstützung selten in beide Richtungen fließt
Beziehungen, in denen subtiler Wettbewerb statt echter Verbundenheit entsteht
Manchmal hilft es, solche Erfahrungen einzuordnen. Nicht um jemanden zu verurteilen – sondern um die eigenen Grenzen und Bedürfnisse klarer zu erkennen.
Gesunde Beziehungen zeichnen sich nicht durch Perfektion aus.
Aber sie beruhen auf etwas sehr Grundlegendem: gegenseitigem Interesse.
Wissenschaftlicher Hintergrund und Quellen:
Die im Artikel beschriebenen Dynamiken basieren auf psychologischer Forschung zu Narzissmus, relationaler Aggression, sozialen Dynamiken in Freundschaften sowie ADHS und zwischenmenschlichen Beziehungen.
Green, A., Charles, K., & Campbell, W. (2021). Female Narcissism: Assessment, Aetiology, and Behavioural Expression. Journal of Personalized Medicine.
Green, A., et al. (2024). Associations Between Vulnerable Narcissism and Bullying Among Women. Sex Roles.
Reardon, K. W., Foster, J. D., & Kong, Y. (2020). Narcissism and Relational Aggression in Social Relationships. Journal of Personality Disorders.
Ginapp, C., et al. (2023). The Experiences of Adults with ADHD in Interpersonal Relationships. Frontiers in Psychology.
Shaw, P., Stringaris, A., Nigg, J., & Leibenluft, E. (2014). Emotion Dysregulation in Attention Deficit Hyperactivity Disorder. American Journal of Psychiatry.
Rowney-Smith, A., et al. (2026). Rejection Sensitivity in Adults with ADHD: Lived Experiences. PLOS ONE.
Hinweis: Der Artikel beschreibt typische Dynamiken, die in bestimmten Freundschaften auftreten können. Er stellt keine Diagnose dar, sondern dient der Einordnung zwischenmenschlicher Erfahrungen auf Grundlage psychologischer Forschung.



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