ADHS. Wenn dein Kopf nachts nicht abschaltet: Warum wir offene Schleifen nicht loslassen können
- Tatjana Ricciardi

- 20. Apr.
- 2 Min. Lesezeit

Kennst du das? Du liegst im Bett, das Licht ist aus, die Welt um dich herum ist ruhig – aber in deinem Kopf herrscht noch Hochbetrieb. Dein ADHS Gehirn rast. Da ist der Gedanke an die E-Mail, die du noch schreiben wolltest. Die Sorge, dass du den Termin morgen früh vergisst. Die Liste der Dinge, die heute wieder liegen geblieben sind. Dein Kopf weigert sich einfach, in den Standby-Modus zu schalten. Du liegst da und denkst: *„Eigentlich sollte ich noch...“*
Es gibt ein psychologisches Phänomen, das genau diesen Zustand beschreibt: den Zeigarnik-Effekt.
Entdeckt wurde er in den 1920er-Jahren von der Psychologin Bluma Zeigarnik, die in einem Berliner Café eine bemerkenswerte Beobachtung machte. Den Kellnern dort fiel es kinderleicht, sich an eine lange Liste offener Bestellungen zu erinnern. Sobald die Rechnung jedoch bezahlt war, war die Information aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Zeigarnik untersuchte dies später experimentell und fand heraus, dass unser Gehirn eine fast schon obsessive Beziehung zu unvollendeten Dingen hat: Aufgaben, bei denen wir unterbrochen wurden, bleiben im Gedächtnis deutlich aktiver als jene, die wir erfolgreich zum Abschluss gebracht haben.
Warum ist das so? Und zwar nicht nur bei Menschen mit ADHS? Ganz einfach: Unvollendete Aufgaben erzeugen in uns eine kognitive Spannung. Solange eine Aufgabe offen ist, bleibt sie im Gehirn aktiv – unser Arbeitsgedächtnis hält sie wie ein offenes Fenster im Browser fest, immer in der Hoffnung, endlich eine Lösung zu finden. Erst wenn wir den Haken dahinter setzen können, löst sich diese Spannung auf. Das Gehirn kann das Thema „abschließen“ und den Speicherplatz freigeben.
Für uns Frauen mit ADHS ist dieser Effekt oft um ein Vielfaches stärker. Da wir dazu neigen, viele Aufgaben gleichzeitig zu beginnen, uns mit der Priorisierung schwertun und unser Arbeitsgedächtnis ohnehin schneller an seine Kapazitätsgrenzen stößt, sammeln sich bei uns abends unzählige „offene mentale Schleifen“ an. Diese Schleifen fordern unaufhörlich unsere Aufmerksamkeit ein. Sie sind der Grund, warum wir abends nicht zur Ruhe kommen:
Unser Gehirn versucht verzweifelt, den Überblick zu behalten, indem es jede offene Aufgabe immer und immer wieder im Geiste durchgeht.
Doch was können wir tun, um diese Spannung zu lösen? Die Antwort liegt in einer einfachen Technik: dem Externalisieren. Gib Deinem ADHS-Gehirn eine Pause. Wenn du abends merkst, dass dein Kopf nicht abschalten kann, dann ist dein Gehirn kein Ort für diese Aufgaben mehr – es ist nur noch ein Ort für den Stress, den sie verursachen.
Schreibe sie auf. Nimm dir einen Stift und ein Blatt Papier und notiere alles, was noch offen ist. Definiere für jede Aufgabe den nächsten, kleinsten Schritt und lege einen Zeitpunkt fest, an dem du dich darum kümmern wirst. Das mag simpel klingen, doch für dein Nervensystem ist es eine massive Entlastung. Indem du die Aufgaben aus deinem Kopf auf das Papier verlagerst, signalisierst du deinem Gehirn: *Die Information ist gespeichert. Du musst sie jetzt nicht mehr aktiv halten.*
Es ist ein kleiner Akt der Selbstfürsorge, der dein Gehirn aus der Pflicht entlässt, den ganzen Tag im Arbeitsmodus zu bleiben. Es ist der Weg, die kognitive Spannung abzubauen, damit die Stille, nach der du dich abends so sehnst, tatsächlich eine Chance hat, bei dir anzukommen. Denn dein Gehirn verdient ebenso viel Ruhe wie du.



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