ADHS im Arbeitsalltag zwischen Motivation und Organisationslogik
- Tatjana Ricciardi

- 12. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Wenn Aufgaben keinen Sinn ergeben
In vielen Unternehmen gibt es Mitarbeitende, die fachlich stark sind, schnell denken und Zusammenhänge erkennen – und trotzdem immer wieder an scheinbar einfachen Aufgaben scheitern. Dokumentationen bleiben liegen. Formulare werden spät eingereicht. Routineaufgaben werden aufgeschoben.
Gerade im Berufsalltag von Erwachsenen mit ADHS zeigt sich diese Spannung besonders deutlich. Für HR und Führungskräfte wirkt das oft widersprüchlich: Die Person kann viel – warum also nicht das?
Wenn ich mit HR-MitarbeiterInnen arbeite, höre ich solche Sätze regelmäßig:
„Die Person ist brillant in Projekten, aber die Reports kommen nie rechtzeitig.“
„Die Person erkennt Risiken früh, aber die Pflichtaufgaben bleiben liegen.“
„Wir wissen nicht mehr, ob es mangelnde Motivation oder fehlende Struktur ist.“
Sehr häufig steckt dahinter eine nicht erkannte oder unbehandelte ADHS – und damit ein grundlegender Unterschied darin, wie Motivation, Sinn und Handlung entstehen.
Wie HR die Situation erlebt
Für HR-Abteilungen und Führungskräfte geht es im Arbeitsalltag um Verlässlichkeit, Nachvollziehbarkeit und Prozesssicherheit. Bestimmte Aufgaben sind nicht optional, auch wenn sie wenig kreativ oder inspirierend sind.
Dazu gehören unter anderem:
Dokumentation
Statusberichte
CRM-Pflege
Formulare
Spesenabrechnungen
Nachbearbeitung von Meetings
Wenn diese Dinge fehlen, entstehen echte organisatorische Probleme. Projekte werden intransparent, Wissen geht verloren, andere müssen nacharbeiten und Führung verliert Steuerungsmöglichkeiten.
HR steht dann oft zwischen den Ebenen: Man sieht die fachliche Stärke der Person – und gleichzeitig die Lücken, die das System belasten.
Wie es sich für Menschen mit ADHS anfühlen kann
Bei Erwachsenen mit ADHS funktioniert Motivation anders. Sie entsteht weniger aus Pflicht, sondern stärker aus:
Sinn
Interesse
innerer Stimmigkeit
emotionaler Aktivierung
Aufgaben, die als leer, widersprüchlich oder rein formal erlebt werden, sind schwer zugänglich – selbst dann, wenn rational klar ist, dass sie erledigt werden müssen.
Das führt dazu, dass jemand in einem Projekt sehr präsent, analytisch und kreativ sein kann – und gleichzeitig vor einer Pflichtdokumentation innerlich blockiert.
Viele beschreiben das so:
„Ich weiß, dass ich es tun muss. Aber mein Kopf macht nicht mit.“
Diese innere Blockade kostet Energie. Oft mehr als die Aufgabe selbst.
Wo das Konfliktpotenzial entsteht
Hier treffen zwei Systeme aufeinander.
Das Organisationssystem braucht Struktur, Wiederholbarkeit, Verlässlichkeit und formale Abläufe.
Das ADHS-Nervensystem reagiert stärker auf Sinn, Interesse und innere Stimmigkeit.
Beide Systeme sind real – aber sie folgen unterschiedlichen Logiken.
HR sieht:
„Die Aufgabe wurde nicht erledigt.“
Die betroffene Person erlebt:
„Ich habe innerlich gegen eine Blockade gearbeitet.“
Ohne dieses Wissen entstehen Missverständnisse, Druck und Vertrauensverlust auf beiden Seiten.
Ein Beispiel aus dem Arbeitsalltag
Eine Projektleiterin erkennt früh, dass ein Projekt in eine falsche Richtung läuft. Sie benennt Risiken, analysiert Zusammenhänge und bringt Lösungen ein. Ihre Führungskraft schätzt ihre Klarheit.
Gleichzeitig bleiben ihre Projektberichte regelmäßig liegen. Das Controlling fragt nach. HR wird unruhig.
Für die Organisation ist der Bericht Pflicht.
Für die Projektleiterin fühlt sich das Schreiben des Berichts sinnlos an, weil das eigentliche Problem woanders liegt.
Beide Seiten erleben dieselbe Situation – aus völlig unterschiedlichen inneren Perspektiven.
Was dieses Wissen verändert
Wenn HR, Führungskräfte und Teams verstehen, dass es hier nicht um mangelnde Arbeitsmoral geht, sondern um unterschiedliche Motivations- und Aktivierungsmechanismen, verändert sich der Umgang miteinander.
Man beginnt zu sehen:
warum bestimmte Aufgaben besonders schwerfallen
warum gleichzeitig hohe Kompetenz vorhanden ist
warum Druck oft blockiert statt hilft
Und für Menschen mit ADHS entsteht Entlastung: Der innere Widerstand muss nicht als persönliches Scheitern gelesen werden.
Fazit
Viele Konflikte im Arbeitsalltag entstehen nicht, weil Menschen nicht wollen – sondern weil Systemlogik und Nervensystemlogik aufeinandertreffen.
Wer versteht, wie unterschiedlich Motivation und Handlung entstehen können, schafft mehr Klarheit.
Und Klarheit ist die Grundlage für tragfähige Zusammenarbeit.



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