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Beziehungssucht bei Frauen – wenn Nähe reguliert

  • Autorenbild: Tatjana Ricciardi
    Tatjana Ricciardi
  • 28. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Paar in Umarmung – emotionale Nähe und Selbstregulation bei Frauen

Love Addiction im Zusammenhang mit ADHS verstehen



Viele Frauen suchen nach Erklärungen für intensive Beziehungsmuster, emotionale Abhängigkeit oder das Gefühl, sich in Nähe zu verlieren. Oft wird dafür der Begriff Beziehungssucht oder Love Addiction verwendet.


Was dabei häufig fehlt, ist eine Einordnung, die über Beziehungsthemen hinausgeht. Insbesondere bei Frauen kann sich immer ein Zusammenhang mit einem lange unerkannten ADHS-Profil und einer grundsätzlichen Schwierigkeit der Selbstregulation zeigen.


Dieser Text möchte genau dort ansetzen: ruhig, einordnend und ohne Pathologisierung.





Was mit Beziehungssucht oder Love Addiction gemeint ist



Beziehungssucht wird als starke emotionale Abhängigkeit von einer Person beschrieben. Betroffene erleben häufig:


– sehr intensive Nähephasen

– starke emotionale Hochs und Tiefs

– große Schwierigkeiten beim Loslassen

– innere Unruhe oder Leere bei Distanz

– wiederkehrende, ähnliche Beziehungsmuster


Aus fachlicher Perspektive lässt sich dieses Erleben jedoch anders betrachten: nicht als Abhängigkeit von einem Menschen, sondern als Abhängigkeit von einem inneren Zustand, den Nähe erzeugt.


Die entscheidende Frage lautet daher nicht:

Warum „klammert“ jemand?

sondern:

Was wird durch diese Beziehung innerlich reguliert?





ADHS bei Frauen – häufig übersehen



ADHS wird bei Frauen deutlich seltener diagnostiziert als bei Männern. Nicht, weil es seltener vorkommt, sondern weil es sich oft anders zeigt.


Viele erwachsene Frauen mit ADHS:


– funktionieren im Beruf und Alltag

– übernehmen früh Verantwortung

– sind leistungsfähig und reflektiert

– zeigen weniger äußere Hyperaktivität

– erleben Unruhe eher innerlich, Stichwort Gedankenkarussell

– sind hochsensibel, empathisch, kreativ und chronisch erschöpft,


Diese hohe Anpassungsleistung führt dazu, dass ADHS lange unentdeckt bleibt. Beziehung wird dann häufig zum einzigen Bereich, in dem die innere Dysregulation spürbar sichtbar wird.





ADHS ist ein Gehirn-Körper-System



ADHS ist keine reine Aufmerksamkeitsstörung. Es betrifft die Selbstregulation des gesamten Systems.


Dazu gehören unter anderem:


– das dopaminerge Belohnungssystem

– Emotionsregulation

– Stressverarbeitung

– hormonelle Regulation

– körperliche Reizverarbeitung


Viele Frauen berichten zusätzlich über körperliche Symptome wie:


– ausgeprägte Erschöpfung

– hohe Stresssensitivität

– Schlafstörungen

– starke hormonelle Schwankungen

– erhöhte Schmerzempfindlichkeit

– Hypermobilität oder instabiles Bindegewebe

– erhöhte Infektanfälligkeit


Diese Symptome werden häufig einzeln behandelt, ohne den gemeinsamen neurobiologischen Zusammenhang zu berücksichtigen.





Warum Nähe bei ADHS so stark wirkt



Romantische Nähe aktiviert mehrere neurobiologische Systeme gleichzeitig:


– Dopamin (Motivation, Fokus, Belohnung)

– Oxytocin (Bindung, Beruhigung)

– Reduktion von Stresshormonen


Für ein dysreguliertes Nervensystem kann Beziehung dadurch kurzfristig stabilisierend wirken. Nähe übernimmt eine externe Regulationsfunktion.


Das erklärt, warum viele Frauen beschreiben:


– Verliebtheit bringt Klarheit und Energie

– Beziehung ordnet Denken und Körper

– Distanz oder Trennung führen zu massiver innerer Unruhe und heftigen körperlichen Symptomem


In diesem Zusammenhang ist Beziehungssucht kein Zeichen mangelnder Reife, sondern ein funktionaler Anpassungsversuch.





Warum der Zusammenhang oft nicht erkannt wird



Viele Frauen sagen:

„Ich habe mein Leben im Griff – nur Beziehungen nicht.“


Der Zusammenhang bleibt häufig unsichtbar, weil:


– ADHS nie diagnostiziert wurde

– Beziehung als isoliertes Problem erscheint

– körperliche Symptome nicht mitgedacht werden

– Scham den offenen Blick erschwert

– ADHS bei Frauen selten aktiv abgeklärt wird


So arbeiten viele Frauen jahrelang an Beziehungsmustern, ohne das zugrunde liegende Regulationssystem zu verstehen.





Woran ADHS-assoziierte Beziehungssucht erkennbar sein kann



Hinweise ergeben sich aus der Kombination mehrerer Faktoren:


– intensive Beziehungen mit starken Hoch- und Tiefphasen

– emotionale Abhängigkeit bei Nähe

– starke innere Unruhe bei Distanz

– Kontrollverlust trotz Einsicht

– deutliche körperliche Reaktionen auf Beziehungsstress

– langjährige Erschöpfung trotz Funktionieren


Nicht das einzelne Verhalten ist entscheidend, sondern das über Jahre stabile Muster.





Was sich durch eine neue Einordnung verändert



Wird Beziehungssucht im Zusammenhang mit ADHS verstanden, verändert sich der Fokus grundlegend.


Statt:

– Selbstdisziplin

– Verzicht auf Nähe

– Schuld und Scham


rücken in den Vordergrund:

– Selbstregulation

– Stabilisierung des Nervensystems

– Einbezug von Körper und hormonellen Faktoren

– Entlastung und Selbstverstehen


Für viele Frauen ist diese Perspektive der erste Schritt, sich nicht länger als „zu viel“ oder „falsch“ zu erleben.





Einordnung zum Schluss



Beziehungssucht bei Frauen ist häufig kein isoliertes Beziehungsthema.


Sie ist oft Ausdruck eines sensiblen, lange überlasteten Systems, das sich über Nähe reguliert, weil andere Wege lange nicht verfügbar waren.


Das zu verstehen ist kein Etikett.

Es ist ein Perspektivwechsel – und für viele Frauen ein Wendepunkt.

 
 
 

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Gedankensprungcoach Tatjana Ricciardi

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