ADHS und Bindungsverhalten- warum Nähe so herausfordert
- Tatjana Ricciardi

- 7. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. Jan.

Warum sich Nähe für Erwachsene mit ADHS oft schwierig anfühlt
ADHS ist mehr als Konzentrationsschwierigkeiten oder innere Unruhe.
Viele Erwachsene – insbesondere Menschen über 40 – erkennen erst spät, dass ADHS auch Beziehungen, Nähe und emotionale Sicherheit beeinflusst.
ADHS zeigt sich auch in Beziehungen
Studien zeigen, dass bei Erwachsenen mit ADHS häufiger unsichere Bindungsmuster auftreten als bei Menschen ohne ADHS. Besonders verbreitet ist der ängstlich-unsichere Bindungsstil.
ADHS ist damit nicht nur eine neurobiologische Besonderheit.
Sie zeigt sich auch im zwischenmenschlichen Erleben:
in Nähe, Distanz, Missverständnissen und emotionalen Reaktionen.
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Was bedeutet „unsichere Bindung“?
Ein unsicherer Bindungsstil bedeutet nicht, dass jemand keine Beziehung führen kann.
Er beschreibt vielmehr, wie Nähe innerlich verarbeitet wird.
Viele Menschen mit ADHS erleben:
• Nähe als sehr wichtig
• Unsicherheit jedoch als stark belastend
• emotionale Signale als intensiv oder überwältigend
Das Bindungssystem reagiert oft schneller und stärker – besonders bei Unklarheit oder gefühlter Distanz.
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ADHS und romantische Beziehungen im Erwachsenenalter
Forschung zeigt:
Ein ängstlich-unsicherer Bindungsstil geht bei Erwachsenen mit ADHS häufig mit belastenderen Beziehungserfahrungen einher.
Ein vermeidend-unsicherer Bindungsstil kann kurzfristig entlastend wirken. Weniger Nähe bedeutet oft weniger Konflikte. Das fühlt sich zunächst ruhiger an.
Langfristig birgt diese Strategie jedoch Risiken: Ungelöste Themen verschwinden nicht – sie wirken innerlich weiter.
Entscheidend ist dabei nicht nur der eigene Bindungsstil.
Die Bindungsmuster beider Partner bestimmen gemeinsam, wie stark ADHS-Symptome die Beziehung beeinflussen.
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Rejection Sensitivity – wenn Zurückweisung stärker wirkt
Ein zentrales Thema in Beziehungen mit ADHS ist die sogenannte Rejection Sensitivity. Gemeint ist eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber (gefühlter) Zurückweisung.
Dabei geht es selten um böse Absicht – sondern um die innere Bedeutung, die einer Situation gegeben wird.
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Ein Beispiel aus dem Alltag
Ein Paar plant, gemeinsam auszugehen.
Einer der beiden ist an diesem Abend sehr erschöpft und schlägt vor, das Treffen zu verschieben.
Die sachliche Botschaft lautet:
„Ich bin heute sehr müde. Lass uns das verschieben – ich wäre heute keine gute Gesellschaft.“
Beim Partner mit ADHS kommt jedoch häufig etwas anderes an:
„Ich will nicht mit dir ausgehen.“
Diese innere Deutung kann Reaktionen auslösen wie:
• „Für andere kannst du dich auch aufraffen.“
• „Wenn es um mich geht, bist du immer zu müde.“
• „Neulich hattest du auch Energie – nur nicht für mich.“
• „Ich habe mich extra schick gemacht, obwohl ich selbst nicht fit bin.“
Nicht rational – sondern emotional.
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Warum dieses Wissen entlastend sein kann
Egal, auf welcher Seite dieser Dynamik man sich wiederfindet:
Menschen mit ADHS nehmen emotionale Botschaften oft anders wahr.
Dieses Wissen kann entlasten:
• weniger Selbstvorwürfe
• mehr Verständnis füreinander
• klarere Kommunikation
Nicht, weil jemand „zu sensibel“ ist – sondern weil das Nervensystem anders reagiert.
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Veränderung ist möglich
Diese Muster sind nicht festgeschrieben.
Mit Bewusstsein, Übung in Wahrnehmung und Kommunikation – und manchmal auch mit einer Prise Humor – lassen sich solche Dynamiken verändern.
Viele Erwachsene mit ADHS erleben, dass Beziehungen stabiler und entspannter werden, wenn sie ihre eigenen Muster verstehen lernen.
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Fazit
ADHS beeinflusst nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Bindung, Nähe und Beziehungserleben.
Wer diese Zusammenhänge kennt, kann alte Muster hinterfragen und neue Wege finden – in Beziehungen und im Umgang mit sich selbst.
Quellen
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Attachment styles and attention-deficit/hyperactivity disorder: A meta-analytic review. Journal of Family Psychology, 37(2), 234–247.
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Romantic relationships in adults with ADHD: The effect of partner attachment style on relationship quality. Journal of Attention Disorders, 24(3), 407–419.
Kissgen, R., & Krischer, M. (2016).
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Young, S., Asherson, P., Lloyd, T., Absoud, M., Arif, M., Colley, W., & Gudjonsson, G. (2021).
“I felt like a burden”: A qualitative study of adults with ADHD in intimate relationships. BMC Psychiatry, 21(1), 1–13.



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